Ali und Nino / Kurban Said
DE,  Fiction

Ali und Nino // Kurban Said

Ein Liebesroman, der eigentlich keiner ist.

Eigentlich soll der Mensch ja aus Erfahrungen lernen, aber trotz meiner eher bescheidenen Erfahrungen mit Liebesromanen (zum Beispiel hier und hier), ist für Aserbaidschan wieder ein Liebesroman in meinen Händen gelandet. Verständlicherweise war ich Ali und Nino von Kurban Said, geschrieben 1937, also schon vor dem Lesen abgeneigt – zu Unrecht, wie sich herausstellte! (Okay, die eine Sexszene habe ich ganz schnell wieder aus meinem Gedächtnis gelöscht, aber das Buch muss halt auch die Romanzen-Genreerwartungen füllen.)

Ali ist Schiit, Nino georgische Christin. Beide leben in Baku, das Buch beginnt einige Jahre vor Beginn des ersten Weltkrieges. Ali und Nino lernen sich noch in der Schule kennen, und, über einige zeitliche Sprünge, erzählt das Buch ihre Liebesgeschichte bis zur russischen Invasion Bakus 1920.

Aserbaidschan ist das Nachbarland Armeniens, das schon vor ein paar Wochen mit Penelope, die Listenreiche auf meiner Reise durch die Weltliteratur dran war. Auffällig ist, dass in beiden Büchern die Identität der Länder zwischen Europa und Asien eine große Rolle spielt. Während für Penelope klar ist, dass Armenien kulturell zu Europa gehört, ist dies für Ali und Nino sehr viel ambivalenter. Dies zeigt sich sowohl in Unterrichtsszenen in der Schule, in denen sich Schüler, die sich Asien zugehörig fühlen, rechtfertigen müssen, aber auch in der Beziehung zwischen Ali und Nino.

Mit Ali und Nino habe ich endlich einen Liebesroman gefunden, den ich uneingeschränkt genossen habe und weiterempfehle – obwohl ich mir gar nicht sicher bin, dass das Buch unter der Kategorie “Liebesroman” am besten aufgehoben ist. Es behandelt so viel mehr als das (und eigentlich ist vom ersten Kapitel an klar, dass Ali und Nino zusammenbleiben werden): es geht um Geschlechterrollen, wie man mit ihnen umgeht und woher sie kommen, es geht um politische Verwicklungen, es geht um die Frage, was Heimat bedeutet.

Die Ullstein-Ausgabe (2017) hat übrigens das Zwergenformat (laut Verlag nennt sich das “Geschenkformat”), was ich überhaupt nicht mag und das Lesen meiner Meinung nach nur unnötig beschwert.

Titel: Ali und Nino
Autor: Kurban Said
Erscheinungsjahr: 1937

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