Schäfchen im Trockenen / Anke Stelling
DE,  Fiction

Schäfchen im Trockenen // Anke Stelling

Eine Prenzlberg-Mutti blick auf die Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Kurz vor den Herbstferien erhält Resi die Kopie eines Briefes ihres ehemaligen Freundes Frank, in dem er seine Wohnung, die er an sie untervermietet hat, kündigt. Resi wohnt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Prenzlauer Berg, durch Frank hat sie bis dato einen alten Mietvertrag mit alter Miete, die sie noch bezahlen kann. Hier hilft Verständnis für die Wohn- und Mietsituation in Berlin: momentan sind die Mieten so hoch, dass es sich normal- bis geringverdienende Mitmenschen kaum leisten können, umzuziehen, oder dabei gravierende Einbußen hinnehmen müssen.

Franks Kündigung ist die “Strafe” für Resi: dafür, dass sie, als freischaffende Schriftstellerin, es gewagt hat, die Freundesgruppe – ehemals alternativ und freidenkend, jetzt Yuppie-Baugruppe – literarisch zu verarbeiten. Abgekapselt von ihren ehemaligen Freunden, mit einer Familie, die zwar ständig präsent ist, in der aber alle anfangen, ihre eigenen Wege zu gehen, denkt Resi über ihr Leben, ihre Freunde und ihre Familie nach. Dabei sind Resis aktuelle, frühere, und zukünftige Wohnverhältnisse das bestimmende Thema.

Das Wohnraumthema ist in Berlin wohl so aktuell wie kaum ein anderes, und gepaart mit der Schwaben-Schickeria im Prenzlauer Berg ist das Buch ein Prachtexemplar der Gattung “Literatur am Zeitgeist”. Für mich als gebürtige Berlinerin, die keine Familienerbschaft in Aussicht hat und auch sonst keine wohlhabenden Verwandten, war es ein merkwürdiger Blick in ein Soziotop, das mir unheimlich nah und gleichzeitig doch fern ist. Nah, weil ich weiß, wie schwierig es ist, überhaupt noch eine (bezahlbare) Wohnung in Berlin zu finden, ich weiß, wie schwierig es ist, den Bezirk zu wechseln, fern, weil es mir generell unverständlich ist, warum jemand im Prenzlauer Berg wohnen möchte. Ja, ich habe vollstes Verständnis für die Angst vor Verdrängung, für Festhalten-Wollen, aber es gibt eben nicht immer nur eine Lösung, wie Resi es sich immer wieder vorbetet.

Viele Rezensionen zu Schäfchen im Trockenen sprechen von der Wut der Erzählerin, die sich durch die Seiten zieht – ich muss ehrlich sagen, dass ich zwar auch Frustration und teilweise Selbstmitleid lesen konnte, dies aber nicht weiter störend und auch nicht übermäßig fand. Aber: teilweise hatte ich das Gefühl, einen literarischen Debattenbeitrag zum Mietproblem in Berlin zu lesen, und keinen Roman.

Titel: Schäfchen im Trockenen
Autorin: Anke Stelling
Erscheinungsjahr: 2018

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