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Verschwinden von Mariana Enríquez

Auf meiner Reise durch die Literatur unserer kleinen Erde habe ich das erste Land Lateinamerikas erreicht: Argentinien. Argentinien, wie ich aus Wikipedia erfahre, war Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts eines der reichsten Länder der Welt, wurde aber nach der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren zurück in den Status eines Entwicklungslandes katapultiert.
2001 gab es in Argentinien eine weitere, verheerende Wirtschaftskrise, die den Hintergrund für den Roman Verschwinden von Mariana Enríquez bildet. Matías, 16 Jahre alt und Bewohner eines der Armenviertel Buenos Aires, lebt mit seiner Mutter, seiner Schwester, deren Kind, sowie einem “Hilfsmädchen” zusammen. Die Familienverhältnisse sind zerrüttet, Matías Bruder ist abgehauen, sein Vater hat sich aus dem Staub gemacht, und ein beklemmendes Geheimnis lastet auf Matías Seele.

Vor diesem Hintergrund folgt Verschwinden Matías durch sein Leben voller Verdrängung, Rationalisierung, Gewalt, Armut, Drogen und Chaos. Matías’ großer Wunsch, seinem Bruder nach Barcelone zu folgen, nimmt immer mehr Gestalt an, erweist sich aber nicht als einfach zu erfüllender Wunsch.

Im Prinzip ist Verschwinden eine schnell erzählte Geschichte übers Erwachsenwerden, über das Abnabeln, über schwierige Familienverhältnisse. Was dieses Buch besonders macht, ist die Erzählkunst Mariana Enríquez’, die es schafft, auch Szenen, die fürchterlich beklemmend sind, durch Matías’ Abgeklärtheit und fast schon deprimierende Leichtigkeit, nicht plakativ oder vulgär wirken zu lassen.

Titel: Verschwinden
Originaltitel: Cómo desaperecer completamente
Autorin: Mariana Enríquez
Übersetzerin: Simone Reinhard
Erscheinungsjahr: 2004

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