Die Elster auf dem Galgen // Alhierd Bacharevič
DE,  Fiction

Die Elster auf dem Galgen // Alhierd Bacharevič

Vieranika, der Tod ist da.

Vieranika muss sterben. Und zwar in fünf Minuten, in ihrem Büro in der Verwaltung. Wie es dazu kommt? Damit beschäftigt sich der Roman Die Elster auf dem Galgen des belarussischen Autoren Alhierd Bacharevic.

Die Erzählung springt zwischen der Vergangenheit und Gegenwart Vieranikas und ihres Freundes, einem Autoren, der Vieranika verlässt, um im Exil zu leben. Dabei werden oft kleine Episoden aus Vieranikas Leben erzählt, aus Kindheit, Jugend und Studentenzeit. Manche dieser Episoden sind grandios erzählt und haben mich beim Lesen gefesselt, teilweise war der Erzählstil allerdings sehr verwirrend. Das Abschweifen und Philosophieren hat mich an Penelope, die Listenreiche erinnert, und auch die Figur Vieranikas selber hat mir Penelope immer wieder ins Gedächtnis gerufen. Leider muss ich auch sagen, dass ich Die Elster auf dem Galgen ähnlich uninteressant und langatmig fand wie Penelope, die Listenreiche: etwa nach der Hälfte des Buches habe ich mich eigentlich nur noch gefragt, wann das Buch endlich vorbei ist. Obwohl ich nochmal betonen möchte, dass ich von der Erzählung teilweise wirklich mitgerissen war, gab es zu viele Passagen, die mäandernd und ohne Konsequenz für die eigentliche Geschichte waren.

Vieranika fängt in ihrer Einsamkeit an, ein Online-Computerspiel zu spielen, dass sie völlig gefangen nimmt, und zu einer Parallelwelt wird.

S. 98:

Bald war ihr klar, dass sie für längere Zeit im Zwergendorf würde bleiben müssen. […] Vieranika wurde eine leere Holzhütte neben drei riesigen Kiefern überlassen, sie schlief viel und aß mit Appetit und befand eines Abends, als sie unter dem niedrigen Strohdach erwachte, sie sei nun so weit genesen, sich neuen Abenteuern zuwenden zu können. Sie lächelte der pelzigen, zutraulichen Spinne zu, die in der Ecke wohnte und trat gebückt aus der Tür.

Das Konzept fand ich interessant, und im Prinzip waren diese Passagen auch interessant geschrieben, aber die völlige Verrealisierung der Online-Welt war mir etwas zu übertrieben.

Bacharevic zeichnet eine Welt, in der der Staat rigoros gegen jegliche “Faschisten” vorgeht, und als Faschisten werden alle bezeichnet, die, auf welche Art auch immer, der Opposition angehören.

Die Erzählperspektive springt oft und ohne Vorwarnung: die Teile, die über Vieranika im Jetzt und Damals berichten, haben einen allwissenden Erzähler, zusätzlich gibt es Kapitel, die von Vieranikas (Ex-)Freund, einem ins Exil gegangenen Schriftsteller, erzählt werden. Ich bin absolut kein Freund von Romanfiguren oder -erzählern, die zu nah am eigentlichen Autor sind. Alhierd Bacharevic lebt, wie Vieranikas schreibender Freund (so nehme ich zumindest an) in Hamburg im Exil, und ja, das ist mir schon zu viel Gleichheit zwischen Fiktion und Realität, zumal die Passagen aus der Sicht von Vieranikas Freund für mich absolut überflüssig waren.

Um es in Bacharevičs eigenen Worten zu sagen:

S.236

Was treibe ich hier? Noch eine Antwort ist herangereift, frisch auf den Tisch damit: Ich FASLE.

Titel: Die Elster auf dem Galgen
Originaltitel: Сарока на шыбеніцы
Autor: Alhierd Bacharevič
Übersetzer: Thomas Weiler
Erscheinungsdatum: 2009 (Übersetzung 2010)

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