Die Königin von Berlin // Charlotte Roth
Biography,  DE,  Fiction

Die Königin von Berlin // Charlotte Roth

Theater in der Weimarer Republik

Als ich gesehen habe, dass Charlotte Roth eine neue Romanbiografie veröffentlicht, musste ich natürlich sofort zuschlagen! Über Weihnachten las ich Die ganze Welt ist eine große Geschichte, ihre Romanbiografie über Michael Ende, die ich – vollkommen fasziniert – nicht weglegen konnte und wollte. Und was soll ich sagen? Mit Roths Buch zu Carola Neher ist es mir genauso ergangen.

Carola Neher war Schauspielerin in der Weimarer Republik, wurde “die schönste Frau Deutschlands” genannt und war die Muse von Bertolt Brecht. Aber sie war auch eine Getriebene, eine Außenseiterin, die nirgends so richtig ankommen konnte, außer auf der Bühne. Vor den Nazis in die Sowjetunion fliehend starb sie in einem sowjetischen Arbeitslager.

Die Königin von Berlin konzentriert sich auf Nehers Erwachsenwerden und ihre Jahre in der Weimarer Republik, auf den Bühnen Breslaus, Berlins und Baden-Badens. Dabei geht es um Liebe, darum, sich selbst zu finden, um Sex, um Kunst und um Politik. Ja, das klingt, als ob es schnell verwirrend werden kann, aber Charlotte Roth hält als “Abendspielleiterin” die Fäden gekönnt in der Hand und lässt sie sich nie verheddern. Wer war Carola Neher also wirklich?

Die Königin von Berlin, S. 81

Sie hatte keinen Menschen um sich, mit dem sie ein aufrichtiges Wort wechseln konnte, musste immer posieren, spielen, sich wirkungsvoll in Szene setzen wie nur irgend möglich, um vielleicht doch noch jemandem ins Auge zu springen. Was ihr auf der Bühne so leicht gelang, wurde im Leben zum Balanceakt: Sie durfte nie aus der Rolle fallen, nie das Gesicht verlieren, das in Wirklichkeit eine Maske war.

So wie Carola Neher in ihrer Rolle gefangen ist, ist der Leser auch gefangen in dieser Performativität – hier erinnert mich das Buch an Die ganze Welt ist eine große Geschichte: Roth nähert sich Michael Ende an, indem sie sein Leben wie seine Geschichten erzählt, und das gleiche tut sie mit Carola Neher.

Für mich ist dieses Buch ein Highlight – auch weil Roth es schafft, das Berlin der 20er- und 30er-Jahre so lebhaft wieder auferstehen zu lassen, das man gar glaubt, sie muss selbst mit Brecht, Neher und Klabund im Romanischen Café gesessen haben.

Die Königin von Berlin, S. 256

Sie hatten den Krieg überlebt, sie waren die, die sich aus Leichenhaufen und zwischen namenlosen Grabsteinen hervorgekämpft hatten, und sie verlangten dafür mehr, als nur nicht tot zu sein.

Die Königin von Berlin ist eine Romanbiografie, keine Biografie. Ja, Charlotte Roth hat sich an Fakten gehalten, aber es bleibt unklar, wie viel Wahrheit und wie viel Dichtung sich zwischen den Seiten findet. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, geht Die Königin von Berlin ans Herz, lässt einen überlegen, wie man selber gehandelt hätte, und bringt Carola Neher näher, als es eine schnöde Biografie vielleicht gekönnt hätte. Roth beweist, dass ein Buch, das ans Herz geht, keine Schmonzette sein muss.

Die Königin von Berlin, S. 348

Ich habe ja [kein Herz], fiel ihr ein. Ich hatte keines, ehe ich dich in einer S-Bahn, neben dem Bauer von Teofilo, dem Kanarienvogel, gefunden habe und mir eines gewachsen ist. Ein ganz kleines. Eines, das sich schrecklich fürchtet. Das einer anderen gehören will, nicht mir.

Titel: Die Königin von Berlin
Autorin: Charlotte Roth
Erscheinungsjahr: 2020

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