Flut // Daniel Galera
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Flut // Daniel Galera

Noch ein Abstecher an Brasiliens Küste

Vielleicht bin ich ein bisschen voreingenommen, weil ich seit März fast nur zuhause sitze und vielleicht schmachte ich mich daher an ein Buch, das in einem brasilianischen Küstendorf spielt, heran wie ein verliebter Teenager an sein Objekt der Begierde. Jedenfalls konnte ich Flut von Daniel Galera fast überhaupt nicht aus der Hand legen: die Atmosphäre dieses Städtchens am Ozean, mit all seinen Geheimnissen und den Figuren, die Galera zum Leben erweckt, hat mich vollkommen in ihren Bann gezogen.

Flut ist ein sehr künstlerischer Roman. Es gibt eine Geschichte, die alles vorantreibt – die Suche nach dem verschollenen, totgeglaubten, vielleicht ermordeten, Großvater – aber auf dem Weg dahin lernt unser Protagonist die brasilianische Kleinstadt, sich selber und seine Mitmenschen kennen.

Alle haben ihn getötet, oder anders gesagt, niemand. Die Stadt hat ihn getötet. So hat der Kommissar es mir erzählt. Alle waren sie da, ganze Familien, wahrscheinlich sogar der Pfarrer. Das Licht war aus, niemand hat etwas gesehen. Die Leute hatten keine Angst vor deinem Großvater. Sie haben ihn gehasst.

Flut, S. 27.

Wer nach dieser Eröffnung einen Kriminalroman erwartet, liegt aber falsch: ja, die Suche nach dem Großvater treibt das Geschehen unterschwellig immer weiter, aber auf dem Weg zur Wahrheit erlebt der Protagonist (der übrigens namenslos bleibt) skurrile Dinge mit skurrilen Dorfbewohnern, die alle etwas zu verbergen zu haben scheinen. Ein bisschen hat mich das Buch an den Film Local Heroes erinnert, in dem ein Amerikaner als Außenseiter in ein winziges schottisches Dorf geschickt wird und eine Welt vorfindet, die mit Kuriositäten und Eigenbrötlern bevölkert ist.

Der Protagonist bleibt nicht nur namenslos, sondern auch gesichtslos: er kann sich aufgrund einer seltenen Krankheit keine Gesichter länger als ein paar Minuten merken – inklusive seines eigenen. Wir erfahren zwar immer wieder, dass er seinem Großvater zum Verwechseln ähnlich sieht, aber was das genau heißt, bleibt im Dunklen, oder zumindest im Dämmerlicht.

Vor allem die Personen, die dem Protagonisten während seiner Zeit am Strand freundschaftlich (und romantisch) näherkommen, bleiben im Gedächtnis und sind eindrücklich charakterisiert: Die Psychologiestudentin, die über das Glück in den Küstendörfern forscht, aber am liebsten alles hinschmeißten möchte:

Es heißt, von Nahem betrachtet ist das Leben aufregender. Man muss in die Dinge eintauchen. Bei mir ist es andersrum. Von Nahem betrachtet erscheint mir immer alles so banal.

Flut, S. 261

Oder Bonobo, der etwas zwielichtige, aber sehr geschäftstüchtige neue Freund:

Ich will expandieren und unsere Produktpalette erweitern. Dazu werde ich mich auf zwei Zielgruppen konzentrieren, die Anhänger fernöstlicher Religionen und die Hipster. Zwei wichtige Verhaltens- und auch Konsumtrends im kommenden Jahrzehnt. Spiritueller Materialismus und ironischer Konsum.

Flut, S. 394

Etwas gewöhnungsbedürftig waren die nicht vorhandenen Anführungszeichen bei wörtlicher Rede, aber zu meinem eigenen Erstaunen habe ich mich ziemlich schnell eingefunden und hatte keine Probleme, die Sprechenden auseinanderzuhalten.

Alles in allem ist Flut ein sehr gelungener Roman, der Lust auf mehr von Daniel Galera macht – einzig der Klappentext sollte vielleicht noch einmal überarbeitet werden.


Titel: Flut
Originaltitel: Barba Ensopada de Sangue
Autor: Daniel Galera
Übersetzer: Nicolai von Schweder-Schreiner

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